Senioren mit Vorerkrankungen

Wie wirken sich Allgemeinerkrankungen und Medikamente auf die Mundgesundheit aus?

Jeder zweite Patient über 60 Jahren nimmt täglich Medikamente gegen Bluthochdruck oder Krebs, zur Unterstützung der Herzleistung, Beruhigungs- und Schlaftabellen ein. Auch Jugendliche können von der regelmäßigen Einnahme betroffen sein, z.B. bei Allergien. All diese Medikamente hemmen den Speichelfluss und erhöhen dadurch das Risiko für Karies und Zahnfleischentzündungen.

 

Herz-Kreislauf-Erkrankungen – Bluthochdruck, Bypass, Stands und Herzschrittmacher

Die Entstehung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Gefäßverkalkungen im Körper, am Herzen oder im Gehirn) basiert zum einen auf unbeeinflussbaren Faktoren (genetische Veranlagung und Alterung), zum anderen auf beeinflussbaren Risikofaktoren (ungesunde Ernährung und Lebensweise – wie Übergewicht, Rauchen, Alkohol, Stress, Diabetes mellitus oder auch durch Viren und Bakterien, z.B. aus der Lunge, dem Magen-Darm-Trakt oder der Mundhöhle). Die Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) und lokale Entzündungen der Gefäßwände aktivieren das Immunsystem, die Gefäße verengen sich – bis zur vollständigen Verstopfung (Thrombose, Herzinfarkt, Schlaganfall). Dadurch wird das Gewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt und es kann Blut austreten (Hirnblutung).

Wie stark sich unsere Mundgesundheit auf den gesamten Körper auswirkt, zeigt der enge Zusammenhang zwischen Vorkommen und Ausprägung von Entzündungen im Mundbereich (Parodontitis) und dem Auftreten von Gefäßerkrankungen (Halsschlagader). Es ist davon auszugehen, dass Herz-Kreislauf-Patienten maßgeblich von einer Mundsanierung profitieren. Deshalb sollte das professionell durchgeführte guided Biofilmmanagement am Anfang jeder allgemeinmedizinischen Präventions- und Therapiemaßnahmen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen stehen. Und umgekehrt: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und zu deren Therapie eingenommene Medikamente können direkten oder indirekten Einfluss auf oralchirurgische Eingriffe haben – ein weiterer Grund, warum regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen mit einem professionellen Biofilmmanagement so wichtig sind.

Damit sich das Praxisteam optimal auf Ihre Behandlung einstellen kann, bitten wir Sie, uns unbedingt über bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu informieren und uns bereits bei der Terminvereinbarung Ihren Medikamentenplan auszuhändigen. In bestimmten Fällen ist es wichtig, bereits im Vorfeld Kontakt zu Ihrem Hausarzt, Internisten oder Kardiologen aufzunehmen. Bitte teilen Sie uns alle wichtigen Kontaktdaten mit, damit wir in Ihrem Sinne handeln können.
 

Diabetes

Bei Diabetes handelt es sich um eine chronische Erkrankung, bei der der Blutzuckerspiegel erhöht ist. Die Ursache kann zwar genetischer Natur sein (als Typ 1, juveniler oder insulinabhängiger Diabetes bezeichnet). Viel häufiger ist Diabetes jedoch das Ergebnis einer langjährigen Fehlernährung, Stress und ungesunder Lebensweise (als Typ 2, Altersdiabetes oder nicht insulinabhängiger Diabetes bezeichnet). Als Diabetes Typ 3 wird eine Vielzahl von Erkrankungen zusammengefasst, die alle kurz- oder langfristig zu Diabetes führen können (chronische Entzündungen und Krebs der Bauchspeicheldrüse, Medikamente wie z.B. Cortison).

Im Alltag hat Typ-2-Diabetes sicherlich die größte Bedeutung. Er ist eng mit einer erhöhten Menge an freien Fettsäuren im Blut und Übergewicht verknüpft. Bei entsprechenden Ernährungsgewohnheiten besteht ein permanentes Überangebot an Fett, welches im Fettgewebe zu freien Fettsäuren abgebaut wird. Diese Fettsäuren beeinträchtigen die Aufnahme von Zucker (Glukose) in den Muskelzellen. Die Leber reagiert darauf mit einer erhöhten Produktion von Zucker und Abbau der entsprechenden Speicher. Dadurch steigt der Blutzucker stetig an, bindet Wasser aus Zellen und Organen und führt zu einem Flüssigkeitsverlust. Betroffene können das gut an einem erhöhten Durstgefühl (Mundtrockenheit) und häufigem Toilettengang erkennen.

Als Folge der Mundtrockenheit sammeln sich vermehrt Bakterien an den Zahnoberflächen und am Zahnfleischrand an, was wiederum die Entstehung von Karies und Zahnfleischentzündungen (Gingivitis, Stomatitis, Parodontitis) fördert. Der erhöhte Blutzuckerspiegel steigert zusätzlich die Entzündungsbereitschaft der Schleimhäute, was weitere Keime anzieht. Um die Entzündung zu bekämpfen, aktiviert der Körper das Immunsystem, das wiederum den erhöhten Blutzuckerspiegel hochtreibt. Ein Teufelskreis!

Diabetes und Parodontitis beeinflussen sich gegenseitig. Das heißt, dass schwere Parodontal-Erkrankungen einen negativen Einfluss auf den Blutzuckerstatus haben und die Komplikations- und die Sterblichkeitsrate in Bezug auf Herz-, Kreislauf- und Nierenerkrankungen erhöhen. Nicht zuletzt deshalb sollte die Optimierung der Mundgesundheit am Anfang jeder Diabetestherapie stehen. Gerade Patienten mit einem beginnenden Diabetes profitieren maßgeblich von einer systematischen Parodontitis-Therapie und entsprechendem Biofilmmanagement

Diabetes wird durch Optimierung der Mundgesundheit, Bewegung (30 Minuten Fahrradfahren, Nordic-Walking etc. täglich), Ernährungsumstellung (leichte mediterrane Kost mit gesunden Ölen, Vermeidung tierischer Eiweiße und Fette) und Medikamente (Orale Diabetika wie Metformin, Insulin) therapiert. 

Leider haben Antidiabetika neben ihrer gewünschten auch unerwünschte Wirkungen. Zum Beispiel beeinflussen sie nicht unerheblich den Vitamin- und Mikronährstoffhaushalt und damit die oralen Strukturen. Deshalb ist z.B. bei der Einnahme von Metformin auf eine ausreichende Zufuhr von Vitamin B6, B9, B12 und D sowie von Zink, Selen und Magnesium zu achten.

Langfristig führt Diabetes zu Gefäßschädigungen, Durchblutungs- und Wundheilungsstörungen und erhöht damit z.B. das Risiko für Verschlusskrankheiten des Auges, Fußes, Herzens und des Gehirns. Ein gezieltes orales Biofilmmanagement (GBT und Parodontitis-Therapie) ist eine einfache, nachhaltige und günstige Investition für eine verbesserte Lebensqualität, die sowohl zur Vorbeugung als auch therapiebegleitend genutzt werden sollte.
 

Rheumatoide Arthritis

Die Rheumatoide Arthritis gehört zu den chronischen Autoimmunerkrankungen. Sie ist hauptsächlich durch die Entzündung der Gelenkschleimhaut gekennzeichnet und kommt häufiger bei Frauen vor. Entzündungsfördernde Bakterien aus der Mundhöhle können die Entstehung dieser Erkrankung begünstigen, indem sie Eiweißstoffe bilden (PPAD-Enzyme), die die Entstehung von Entzündungszellen, Entzündungsbotenstoffen, Eiweißen und Enzymen, Sauerstoffradikalen (ROS) sowie Autoantikörpern gegen die eigenen Gelenke (ACPA) begünstigen.

Rheumatoide Arthritis und Parodontitis beeinflussen sich gegenseitig. Das heißt, dass von einem systematischen Biofilmmanagement der Mundhöhle (Parodontaltherapie) der Rheumapatient genauso profitiert, wie sich die parodontale Gesundheit durch die Therapie der Rheumatoiden Arthritis verbessern lässt. Eine Verbesserung der Lebensumstände, z.B. durch Bewegung (Krankengymnastik, Ergotherapie), antientzündliche Ernährung (leichte, mediterrane Kost, Vermeidung von Fleisch und Milchprodukten, gesunde Fettsäuren). 

Im Hinblick auf die Mundgesundheit ist von Bedeutung, dass sich die entzündungshemmenden Medikamente zum einen positiv auf die oralen Strukturen auswirken, zum anderen aber negativ in den Vitamin- und Spurenelemente-Haushalt eingreifen können. Deshalb ist unbedingt auf eine ausreichende Versorgung mit den Vitaminen A, B, C, D, E und K, Coenyzme Q10 sowie von Zink, Selen, Magnesium und Calcium zu achten.
 

Atemwegserkrankungen

Nase, Nasennebenhöhlen, Rachen und die Luftröhre stehen in engster Nachbarschaft zur Mundhöhle. Daher ist nicht verwunderlich, dass sich Entzündungen aus dem Mundbereich auf diese Nachbarstrukturen ausweiten und dort akute und chronische Folgeerkrankungen auslösen bzw. deren Entstehung begünstigen können. Besonders davon betroffen sind abgeschwächte ältere und pflegebedürftige Menschen. Patienten, die künstlich beatmet werden, an Atemwegserkrankungen wie COPD und Lungenentzündung, Mukoviszidose, oder Covid-19 erkrankt sind, können durch ihre gute Mundgesundheit und ein regelmäßig in der Praxis durchgeführtes professionelles Biofilmmanagement das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufes erheblich reduzieren. 
 

Osteoporose

Osteoporose ist die häufigste Knochenerkrankung. Dabei verlieren die Knochen an Dichte und Festigkeit. Osteoporose entsteht natürlicherweise im Alter, indem der Körper die Zellaktivität der knochenbildenden Zellen herunterfährt, aber auch durch chronische Entzündungen, Darmerkrankungen, Mangelernährung und Medikamente. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Auch bei der Osteoporose ist der Mund beteiligt. Sehr gut zu erkennen ist das am natürlichen Zahnfleisch- und Knochenschwund, der Parodontose. Osteoporose kann durch unterschiedliche chemische und natürliche Substanzen behandelt werden. Zur Basistherapie gehören immer Vitamin D und Calcium. Ergänzend können chemische Substanzen wie Bisphosphonate, SERM (Selektive Estrogen Rezeptoren Modulatoren), Rank-Ligand-Inhibitoren und Parathormon verabreicht werden. 

SERM und Parathormon haben eine knochenaufbauende Wirkung, während Bisphosphonate und die RANKL-Inhibitoren den Knochenabbau hemmen. Aus Sicht der oralen Chirurgie haben die Bisphosphonate (Handelsnamen mit den Endungen -dronat: Aldendronat, Clodronat, Etidronat, Inandronat, Pamidronat, Risendronat, Tiludronat, Zoledronat) die größte Bedeutung. Sie verlangsamen extrem den Knochenstoffwechsel, wodurch die Heilung nach Zahnextraktionen und operativen Eingriffen in großen Maßen gestört werden kann!

Damit wir Ihre Behandlung optimal vorbereiten können, ist es unumgänglich, dass Sie uns im Vorfeld und zusätzlich bei jedem Zahnarztbesuch Ihren aktuellen Medikamentenplan vorlegen. Wichtig dabei sind nicht nur die täglich eingenommenen Medikamente, sondern auch die, die nur sehr selten, zum Beispiel im monatlichen oder jährlichen Rhythmus, verabreicht werden (zum Beispiel in Form von Injektionen).

Aus ganzheitlicher Sicht gilt auch bei Osteoporose: „Vorbeugen ist besser als Heilen“. Deshalb ist das A und O die regelmäßige Bewegung an der frischen Luft. Yoga, Qigong, Gymnastik, Spezierengehen, Wandern, Treppensteigen, Nordic-Walking, Laufen, Tanzen oder Ballspielen. Ergänzt durch eine leichte mediterrane Kost (Gemüse, Nüsse, Obst, Fisch, gesunde Öle, frische Kräuter) und Vollkornprodukte, die den Bedarf an Vitaminen B, C, K, Calcium, Magnesium, Silicium, Kalium, Zink, Kupfer und Mangan decken. 

Ohne Vitamin D läuft nichts im Knochenstoffwechsel. Es wird im Körper mit Hilfe von Sonnenstrahlen gebildet. Gerade im Seniorenalter ist es allerdings nicht immer möglich, sich viel draußen aufzuhalten. Aus diesem Grund empfehlen Fachgesellschaften die regelmäßige Einnahme von Vitamin-D-Präparaten. Als Faustregel für die Basisversorgung gelten 50 IE/kg Körpergewicht. Der individuelle Bedarf hängt auch vom Verbrauch ab. So können regelmäßig eingenommene Medikamente unterstützend oder hemmend auf den Vitamin-D-Haushalt einwirken. Deshalb empfehlen wir, regelmäßig den Vitamin-D-Spiegel messen zu lassen und die Dosierung entsprechend anzupassen.

Die Naturapotheke bietet ein breites Spektrum zur Unterstützung des Knochenaufbaus, darunter Phytoöstrogene aus Rotklee und Soja. Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) empfiehlt Akupunktur, Schröpfen, Ernährung nach den 5-Elementen sowie Schwarzkümmel, Chinesische Beerentraube, Traubensilberkerze und Astragalus. In der Homöopathie wird auf Lycopodium, Phosphorus, Symphytum, Silicea und Sulfur zurückgegriffen, während Dr. Schüßler Calcium fluoratum, Calcium phosphoricum oder Calcium carbonicum verordnen würde.
 

Demenz

Unter Demenz wird der langfristige Verlust an intellektuellen Fähigkeiten mit der Beeinträchtigung der persönlichen Aktivitäten des täglichen Lebens verstanden, ohne dass eine Bewusstseinstrübung vorliegt. Diese Veränderung kann als Grunderkrankung (z.B. Morbus Alzheimer) oder als Folge anderer chronischer Erkrankungen (Gehirn-, Herz-, Lungen-, Leber-, Nierenerkrankungen), Medikamenteneinnahme, Durchblutungsstörungen, Vergiftungen (Schwermetalle), Vitaminmangel (B1, B6, B12), Wasser- oder Elektrolyt-Verlust entstehen.

Demenz und Parodontitis beeinflussen sich gegenseitig. Die Mundbakterien können die Transportwege der Blut-Hirn-Schranke stören und Ablagerungen an den Gehirnzellen begünstigen. Gleichzeitig schränkt die Alzheimer-Erkrankung die Fähigkeit zur Mundhygiene ein und begünstigt die Vermehrung von Bakterien in der Mundhöhle. Es entsteht ein Teufelskreis. Aus diesem Grunde muss bei diesen Menschen unbedingt regelmäßig auf eine gute Reinigung und Desinfektion der Mundhöhle und des eventuell vorhandenen Zahnersatzes geachtet werden.
 

Krebs

An der Entstehung von Krebs sind unterschiedliche ungünstige Faktoren beteiligt, die die Reparaturmechanismen des Körpers beeinträchtigen oder hemmen, wodurch entartete Körperzellen nicht beseitigt werden. Bakterien aus dem Mundbereich, können das fein eingespielte Abwehrsystem des Körpers negativ beeinflussen und die Entstehung von Krebs begünstigen. Eine gesundheitsbewusste Lebensweise, regelmäßige gründliche häusliche Mundpflege und das professionelle Biofilmmanagement in der Zahnarztpraxis unterstützen den Körper bei der Beseitigung von entarteten Zellen.
 

univ.(Budapest) Edith Nadj-Papp MA,MBA,MSc,MSc - jameda.de